Dr. PETRA PREISS, Herzchirurgin, wurde als neue Präsidentin der Kärntner Ärztekammer angelobt und ist damit in Österreich die erste Frau, die in die Position einer Länderkammer-Präsidentin gewählt wurde.
Interview: Anita Arneitz  Foto: Verena Höfer

Als Herzchirurgin stehen Sie mit beiden Beinen im Beruf und im Operationssaal. Warum haben Sie zusätzlich auch noch die Aufgabe der Ärztekammer-Präsidentschaft angestrebt?

Ich bin der Meinung, es nützt nichts, wenn wir Frauen nur jammern, das wird nichts verändern. Und wenn wir nicht bereit sind, uns selbst in irgendeiner Weise einzubringen, dann haben wir auch kein Recht zu jammern. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und warten, dass andere etwas tun. Wenn wir Frauen wollen, dass etwas für Frauen weitergeht, dann müssen wir uns auch selbst engagieren. Nur wenige Männer werden sich für Frauenthemen engagieren.

Welche Themen liegen Ihnen als Ärztekammer-Präsidentin am Herzen?
Wir haben zunehmend Frauen in der Ärzteschaft, aber wir verlieren auch viele Frauen auf dem Weg dorthin. Im Moment gibt es ein großes Problem mit der Kinderbetreuung. Es werden nicht genügend adäquate Kinderbetreuungsplätze mit flexibler Zeit angeboten. Die Kabeg ist als Arbeitgeber sehr bemüht, aber nach wie vor ist die Anzahl der Betreuungsplätze überschaubar. Wenn ich als Ärztin um sieben Uhr morgens Dienstbeginn habe, bringt mir ein Kindergarten nichts, der erst um sieben Uhr aufsperrt. Denn um diese Zeit muss ich bereits an meinem Arbeitsplatz sein. Es gibt auch Tage, an denen ich länger operieren muss und nicht wie geplant am Nachmittag nach Hause gehen kann. Von den Nachtdiensten rede ich gar nicht. Junge Ärztepaare, die nicht über ein zuverlässig funktionierendes familiäres und soziales Netzwerk verfügen, haben so gut wie keinen Spielraum zu beruflicher Entfaltung. Dass die familiäre Arbeitsteilung zwischen den Partnern eine Selbstverständlichkeit ist, brauche ich wohl nicht zu betonen. Es gibt natürlich die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, doch gerade in Fächern, in denen manuelle Geschicklichkeit gefragt ist – wie in der Chirurgie – bedarf es ausreichender Übung, um beste Arbeit zu leisten. Wir benötigen also dringend Kinderbetreuungsplätze, die mit unserem Beruf vereinbar sind. Und wenn das die Kabeg alleine nicht schafft, dann bedarf es politischer Entscheidungen, um die notwendigen gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wie sehen die Karrierechancen für junge Medizinerinnen aus?
Es ist nicht mehr so schwierig, wie es früher war. Aber nicht, weil das System offener gegenüber Frauen geworden ist. Es gibt einfach nicht mehr genügend Männer, deshalb bekommen Frauen heute vermehrt eine Chance. Wer als Ärztin Karriere machen will, muss hartnäckig sein, darf sich nicht unterkriegen lassen – und mindestens so viel arbeiten wie jeder vergleichbare Mann. Wer Familie will, muss genau planen, mit dem Partner klare Abmachungen treffen und sich nicht scheuen, ein eigenes Netzwerk aufzubauen.

Woran liegt das, dass es in Kärnten, so wenig Ärztinnen in Führungspositionen gibt?
Ich fange mit etwas Positivem an: Ich freue mich unendlich, dass wir seit Jänner dieses Jahres in der Person von Sabine Sussitz-Rack – sie leitet höchst erfolgreich das Institut für Labordiagnostik und Mikrobiologie – die erste Primaria am Klinikum Klagenfurt haben. Aber zurück zu Ihrer Frage: Wenn ich als Arbeitgeber 28 Stellen mit Männern besetze, zeige ich den Frauen, dass es mir kein Anliegen ist,

Frauen in Führungspositionen zu haben. Warum sollte sich eine Frau bewerben, wenn sie sowieso keine Chance hat? Diese Botschaft war viele Jahre hinweg das Signal. Eine Bewerbung auf eine Chefstelle ist keine Lappalie, darauf muss man sich sehr gut vorbereiten. Viele Frauen fragen sich, warum sie sich überhaupt den Aufwand antun sollen, wenn es aussichtslos ist. Leider haben wir bis jetzt auch wenige Frauen, die eine Vorbildfunktion haben und beispielsweise auch als Mentorinnen wirken wollen. Das müssen wir Frauen ändern.

Frauen in der Herzchirurgie sind nach wie vor selten. Warum haben Sie sich für diesen Fachbereich entschieden?
Ich wollte das immer machen. Schon als kleines Kind war ich von Chirurgie fasziniert. Später hörte ich: Was, du willst Chirurgin werden, spinnst du? Aber davon ließ ich mich nicht abbringen. Ich wollte in der Medizin selber agieren und unmittelbar verantwortlich sein. Wenn ich aus dem OP heraus gehe und alles gut gemacht habe, erfüllt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, diesen Beruf ausüben zu können. Allerdings muss ich auch ehrlich sagen, es ist ebenso eine enorme Belastung, wenn ein Patient nicht gerettet werden kann. Es ist eben kein Beruf, den man halbherzig machen kann. Ob die Medizin tatsächlich das Richtige für einen ist, muss jeder selbst herausfinden. Wer sich dafür interessiert, kann aber schon früh hinein schnuppern und zum Beispiel mit 17 oder 18 Jahren ein Praktikum in einem Spital absolvieren.

Langsam wird der Ärztemangel auf dem Land spürbar …
Ja, wir müssen eine Lösung in der Landarztproblematik finden. Es ist eine Tatsache, dass wir in Zukunft offene Stellen auf dem Land einfach nicht mehr besetzen können. Erstmals hatten wir in ganz Kärnten die Situation, dass sich niemand auf eine Ausschreibung beworben hat. Auf dieses Problem weisen wir bereits seit Jahren hin, wurden aber nicht ernst genommen. In nächster Zeit werden wieder viele Stellen frei und es wird ernste Probleme geben, diese zu besetzen. Primary Health Center, also Gesundheitszentren, sind keine Alternative für eine Landarztpraxis.

Weshalb ist es für Ärzte so unattraktiv, auf dem Land zu arbeiten?
Viele sagen, sie wollen sich nicht kaputt arbeiten und finanziell trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. Das liegt daran, dass zum einen der Kassenvertrag in Kärnten unattraktiv ist. Zum anderen müssen sich in einem Sprengel drei oder vier Ärzte die Rufbereitschaften teilen, das heißt, sie müssen jeden dritten oder vierten Tag in der Nacht rufbereit sein. Sie könnten sich vertreten lassen, doch eine Vertretung zu finden, ist nicht leicht. Die Zahl an Nachtdiensten ist dadurch hoch. Dazu kommt, dass viele der Ärzte nicht mehr die Jüngsten und zum Teil über 60 Jahre alt sind. Wenn wir hier keine Entlastung schaffen und für Nachwuchs sorgen, wird es zu einem echten Problem. Landgemeinden müssten sich dann daran gewöhnen, ohne eigenen Arzt zu sein. Wir dürfen aber nicht warten, bis es soweit kommt, sondern uns jetzt hinsetzen und etwas tun.

Ihre Arbeitsweise als Ärztekammer- Präsidentin?
Für mich ist es wichtig, dass wir zu einem sinnvollen Zusammenfinden kommen, egal ob wir uns mit PolitikerInnen, VertrerInnen der Krankenkassen oder der Ärzteschaft auseinandersetzen. Wir müssen die Scheuklappen ablegen und gemeinsam an Verbesserungen des Systems arbeiten. Dazu müssen wir nicht ständig auf dem Kriegspfad sein. Wir sollten unserem Gegenüber Lösungswillen zugestehen und einen Einigungsversuch anstreben. Sollte das nicht gehen, dann werden wir uns eben Alternativen überlegen und in Situationen, die schlimme Konsequenzen haben könnten, Härte zeigen.

Factbox
Petra Preiss ist Fachärztin für Herzchirurgie und Chirurgie, Zusatzfachärztin für Gefäßchirurgie und Oberärztin der Abteilung für Herz-, Thorax-und Gefäßchirurgie am Klinikum Klagenfurt.

Nach der Promotion in Wien ging die gebürtige Niederösterreicherin für Forschungsarbeiten in die Schweiz. Von dort verschlug es sie für vier Jahre nach Südafrika, wo sie an jener Klinik eine Ausbildung zur Herzchirurgin absolvierte, in der 1967 die erste Herztransplantation der Welt durchgeführt wurde.

Zurück in Österreich wollte sie weiter als Herzchirurgin arbeiten und bekam 1994 eine Stelle in Kärnten. Mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern (Alter 22, 17) lebt sie in Pörtschach.

Als Präsidentin der Ärztekammer Kärnten vertritt Preiss die Interessen aller ÄrztInnen in Kärnten und setzt sich unter anderem für bessere, familiengerechte Arbeitsbedingungen und eine zeitgemäße Ausbildung ein.