Zurückfinden zur natürlichen Lust an Bewegung und dabei fit bis ins hohe Alter bleiben: Wie das funktioniert, erklärt der ambitionierte Dr. Dietmar Schubert im Interview zu seinem neuen Buch. Interview: Claudia Eherer 

Dr. med. Dietmar Schubert betreibt eine Praxis für Sportmedizin, eine Praxis für Allgemeinmedizin sowie das „LifeBalance“-Gesundheitszentrum in Ehingen bei Ulm.

Mit Ihrem Buch „Bewegung zum Glück“ behaupten Sie, dass es möglich sei, auch mit 80 noch so fit wie mit 18 zu sein. Ist das tatsächlich möglich und wie kann das funktionieren?

Ja, es ist möglich, mit 80 so fit zu sein, wie mit 18. Doch zuerst müssen wir ein neues Verständnis für den Begriff „fit“ bekommen. Bisher assoziieren wir mit „fit“ vor allem sportliche Hochleistungen, wie z.B. die Fähigkeit, 20 Liegestütze zu machen oder einen Halbmarathon zu laufen. Tatsächlich bedeutet Fitness aber vielmehr „das Vermögen, im Alltag leistungsfähig zu sein und Belastungen eher standzuhalten“ (Zitat: Wikipedia „Fitness“). Der Erhalt der Alltagskompetenzen, das ist das Ziel. Ohne Atemnot die Treppe in den dritten Stock laufen zu können, schmerzfrei in die Hocke gehen, um sich die Schuhe zu binden und mit den Enkelkindern im Garten Fußball spielen – das bedeutet Fitness. Und diese kann man mit 80 genauso haben, wie mit 18! Um diese Fitness zu erhalten, müssen Sie kontinuierlich Ihre Stabilität, Mobilität und Kraft schulen. Dafür machen Sie am besten den Alltag zu Ihrem Fitnesstrainer. Dehnen Sie sich nach dem Aufstehen ausgiebig. Versuchen Sie, während dem Zähneputzen auf einem Bein zu stehen, so lange es geht. Oder benutzen Sie einfach die Treppe statt des Fahrstuhls. Bauen Sie diese kleinen, leicht umsetzbaren Übungen in Ihren täglichen Tagesablauf ein und machen daraus ein Ritual. Dann werden Sie von ganz allein und intuitiv in Bewegung bleiben.

Warum ist ein Leben ganz ohne Bewegung tatsächlich so gefährlich, was geschieht da mit dem Körper? Der Körper besteht aus insgesamt elf Organsystemen, wie z.B. der Leber, dem Magen oder der Lunge. Zehn dieser Organsysteme verbrauchen Energie, um zu arbeiten. Und nur ein einziges Organsystem erzeugt diese überlebenswichtige Energie: der Muskel. Wie ein Generator wandelt der Muskel Bewegung und Nahrung in körpereigene Energie um. Und mit dieser Energie versorgt er den gesamten Körper. Fehlt die Bewegung, kann der Muskel nicht genug Energie erzeugen, um z.B. Leber, Magen, Darm oder das Gehirn ausreichend zu versorgen. Hat das Herz nicht genug Energie, um jederzeit genügend Sauerstoff durch den Körper zu pumpen, sind wir nicht mehr so belastbar. Uns wird z.B. schwindelig beim Treppensteigen. Auch das Immunsystem wird schwächer, wenn die Energie fehlt. Wir werden infektanfälliger. Auch Schlaflosigkeit oder gar Depressionen können eine Folge mangelnder Energie sein. Im schlimmsten Fall stellen unsere Selbstheilungskräfte ihre Arbeit komplett ein. Da kann ein einfacher Knochenbruch sogar tödlich enden.

Ist es denn eigentlich irgendwann zu spät, noch mit regelmäßiger Bewegung zu beginnen? Nein, es ist nie zu spät, um mit regelmäßiger Bewegung zu beginnen. Unsere Körperzellen erneuern sich ständig und auch unsere DNA erhält regelmäßig ein „Update“, egal wie alt wir sind. Das bedeutet, selbst wenn wir 80 Jahre lang Bewegungsmuffel waren, wir selbst jetzt noch mit regelmäßiger Bewegung beginnen können. Diese neuen Informationen nimmt unser Körper auf und speichert sie in unseren Zellen als etwas Positives ab. Dafür habe ich ein sehr schönes Patientenbeispiel aus meinem Praxisalltag: Ein Patient von mir war jahrelang auf einen Rollator angewiesen. Er parkte mit seinem Auto daher stets direkt vor seinem Supermarkt, um einkaufen zu gehen. Eines Tages war aber kein Parkplatz mehr frei und er war gezwungen, in einer mehrere hundert Meter entfernten Seitenstraße zu parken. Also lief er mit seinem Rollator die Strecke zum Supermarkt, kaufte ein und ging bepackt mit Lebensmitteln wieder zurück zu seinem Auto. Und seine Erkenntnis: er hat es geschafft und das Mehr an Bewegung hat ihm richtig gut getan. Also hat er seit dem immer öfter fernab des Supermarktes geparkt und ist bewusst mehr gelaufen. Seine Stabilität, Mobilität und Kraft kehrten zurück, er wurde wieder beweglicher und gewann zunehmend lang vermisste Alltagskompetenzen zurück. Irgendwann war er wieder so beweglich, dass er sich ein Mountainbike gekauft hat, um damit bei uns auf der Schwäbischen Alb Radtouren zu machen. Ich finde diese Patientengeschichte immer wieder unglaublich schön, weil wir hier sehen, dass das Alter für unsere „Fitness“ keine Rolle spielt.

Viele Menschen verlernen im Laufe ihres Lebens die natürliche Freude an der Bewegung. Warum ist das so, was meinen Sie? Als Kinder handeln wir noch sehr intuitiv, da es kaum äußere Einflüsse gibt. Doch je älter wir werden, umso mehr passen wir uns eben diesen äußeren Einflüssen an. Um z.B. rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, nehmen wir das Auto anstatt zu gehen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag im Büro entspannen wir mit einer Tiefkühlpizza auf der Couch, anstatt mit dem Partner gemeinsam frisch zu kochen. Der Alltag hat uns irgendwann so fest im Griff, dass wir uns zwangsläufig anpassen. Deshalb ist es so wichtig, eben diesen Alltag zum eigenen Fitnesstrainer zu machen. Nur so schaffen wir es, dauerhaft fit zu bleiben, ohne zwischendurch mangels Zeit und Gelegenheit abzubrechen.

Wie kann ein absoluter Verweigerer wieder Lust bekommen, sich zu bewegen?Überlegen Sie doch einfach mal, was Sie als Kind gerne gemacht haben. Sind Sie mit Vorliebe auf Bäume geklettert? Haben Sie mit Ihren Freunden Fahrradtouren gemacht oder sind Sie gerne an den Baggersee zum Schwimmen gegangen? Was hat Ihnen damals ganz intuitiv Spaß gemacht? Wenn Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden haben, dann probieren Sie es jetzt nochmal. Ihr Körper hat diese positiven Erlebnisse noch gespeichert und sobald Sie wieder mit der Bewegung beginnen, erinnert er sich wieder daran. Spaß kommt auf und die Lust daran, es zu wiederholen. Das ist der erste Schritt in Richtung Bewegung zum Glück!

Wieviel Disziplin muss sein? Denn diese scheint ja oft das Hauptproblem zu sein … Wir verbinden Disziplin oft mit „Durchhalten“, „Zähne zusammenbeißen“ und „Selbstkasteiung“. Spaß, Freude oder gar Glück spielen bei Disziplin oft gar keine Rolle – sollten es aber! Denn nur, wer Spaß an der Bewegung hat, bleibt am Ball. Wer eigentlich gerne joggen geht, sich aber zunehmend dazu zwingen muss, die Laufschuhe anzuziehen, der sollte etwas ändern, z.B. die Laufstrecke. Denn Lustlosigkeit ist ein sicheres Zeichen dafür, dass ich in meinem Bewegungsablauf etwas ändern muss, um mich weiter zu entwickeln. Bleibe ich krampfhaft und aus falsch verstandener Disziplin bei Altgewohntem, gleicht das einer Stagnation. Also statt Disziplin zum obersten Gebot zu machen, seien Sie lieber „aufmerksam“. Achten Sie auf die Signale Ihres Körpers. Langweilen Sie sich z.B. beim Sport, ist es Zeit für eine Veränderung. Fühlen Sie sich ständig schlapp trotz intensiven Trainings, trainieren Sie vielleicht zu viel.

Thema Überforderung: Sind unsere Ziele (perfekte Bikinifigur, etc…) einfach zu hoch? Ich finde ja. Denn ein Körper ist stets ein hochindividuelles Zusammenspiel aus Muskulatur, Wasser, Fett und Knochen. Jeder Körper ist anders zusammengesetzt – und funktioniert nach eigenen Spielregeln. Es ist daher völlig unlogisch, einem einheitlichen Idealbild nachzueifern, das uns von anderen vorgegeben wird. Finden Sie lieber Ihr ganz persönliches Ideal und arbeiten Sie darauf hin. Zudem halte ich wenig von dem Begriff „Gewichtsabnahme“. Was bringt es mir, wenn ich für die perfekte Bikinifigur Schlankheitsmittel einnehme und dabei Unmengen Wasser verliere, das Fett aber bleibt? Sprechen wir lieber vom „Gewichtsmanagement“! Das bedeutet, dass wir Ihre Muskeln, Wasser und Fett in ein optimales Verhältnis bringen, so dass Ihre Organsysteme perfekt arbeiten können. Dadurch verlieren Sie nicht nur Gewicht, sondern – und das ist viel wichtiger – Sie bleiben gesund, fühlen sich wohl und werden glücklich!

Danke!

Zur Person
Dr. med. Dietmar Schubert betreibt eine Praxis für Sportmedizin, eine Praxis für Allgemeinmedizin sowie das „LifeBalance“-Gesundheitszentrum in Ehingen bei Ulm. Er steht für einen ganzheitlichen Ansatz, der Sport- und Allgemeinmedizin, Physiotherapie, Ernährungswissenschaft, Psychologie und Impulse aus der fernöstlichen Heilkunde integriert. Dr. Schubert ist Dozent an der Academy of Sports in Backnang und Mitglied im Expertenteam des Steinbach-Talks. Der Autor ist gefragter Redner zu den Themen Vitalität, Fitness und Prävention. Er unterstützt namhafte Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement. www.dr-dietmar-schubert.de

Buchtipp

„Bewegung zum Glück! Für immer gesund, vital und beweglich
Von Dr. med. Dietmar Schubert, Goldegg Verlag, 19,95 Euro